Auszug aus meiner Diplomarbeit :                                                            

" Weniger ist mehr - Ortho-Bionomy® in der Physiotherapie " 

Ausführliche Beschreibung der 6 Grundprinzipien in der Ortho-Bionomy- Behandlung :

1. Kein Griff, keine Lagerung darf Schmerz auslösen oder unangenehm oder beunruhigend sein. Finde eine angenehme Lage oder Bewegung für den Patienten, suche die freie Richtung.

Dies ist ein grundlegendes Prinzip der Ortho-Bionomy und anderer ressourcenorientierter Behandlungsformen. Um es zu verstehen, muss man die Funktionsweise des vegetativen Nervensystems kennen. Das vegetative Nervensystem (VNS) ist das übergeordnete Steuerungs- und Regulationssystem im Körper. Es steuert und reguliert die lebensnotwendigen Grundfunktionen des Organismus, wie z.B. Stoffwechsel, Atmung, Herz-Kreislaufsystem, Verdauungssystem, Hormonsystem, Immunsystem usw. Die beiden Hauptnerven des VNS sind der Sympathikus und der Parasympathikus. Funktionell kann man Sympathikus und Parasympathikus als sogenannte Antagonisten verstehen, das heißt ihre Wirkungen auf die ver- schiedenen Organe sind meist gegensätzlich. Der Sympathikus ist für Aktivität zuständig, er erhöht zum Beispiel die Herz-und Atemfrequenz beim Sport, versorgt so die Muskeln mit mehr Sauerstoff und lässt uns dabei schwitzen. Bei Stress und Gefahr schaltet der Sympathikus in den Zustand „Alarmbereitschaft“. Für die „Alarmbereitschaft“ müssen jetzt Systeme in den Vordergrund treten, die zur Erhöhung des Blutdrucks, der Herzfrequenz und für mehr Sauerstoff in den Zellen sorgen, um Körper und Psyche in erhöhte Anspannung zu versetzen. Hier arbeitet der Körper seit jeher nach dem Motto „Flucht oder Kampf“. Ist hingegen der Parasympathikus aktiv, so bringt er den Menschen in einen Ruhezustand: er sorgt zum Beispiel dafür, dass die Herzfrequenz und der Blutdruck sinken, die Verdauungsaktivität steigt. Die Muskelspannung nimmt ab. Der Parasympathikus ermöglicht also Entspannung, Regeneration, Reparaturprozesse und Energieaufbau (z.B. während dem Schlaf).

Das Erleben von Angst, Schmerz und Missempfindungen löst Stress aus. Stress bewirkt eine Aktivierung des Sympathikus und führt so zu einer sympathikotonen Stoffwechsellage. Besteht diese über eine längere Zeit, kann dies Heilungsprozesse ernsthaft beeinträchtigen, aber auch gesundheitliche Probleme verursachen. Darum möchten wir in der Ortho-Bionomy stattdessen Entlastung und Entspannung ermöglichen. Dieses Anregen einer parasympathikotonen Stoffwechsellage fördert die Erholung und Regeneration aller Gewebe. Wir möchten also eine angenehme Atmosphäre anbieten, so dass der Patient sich sicher und akzeptiert fühlen kann. Wir achten auch auf eine gute Lagerung und fördern damit die körperliche Entspannung. Bei der Behandlung soll kein Griff unangenehm oder gar schmerzhaft sein. Der Patient wird aufgefordert, sofort Bescheid zu sagen, falls etwas unangenehm für ihn ist. Wir können bei einer Technik auch immer wieder nachfragen, welche Bewegungsrichtung für den Patienten angenehmer ist. Das hilft ihm, seinen Körper be- wusster zu spüren und zu erkennen, was ihm gut tut, auch später im Alltag.

In der Physiotherapie wird ebenfalls auf eine gute Lagerung geachtet. Es geht dabei auch um eine biomechanische Sichtweise, indem man durch die Lagerung zum Beispiel eine ungünstige Hebelwirkung auf eine Gelenk verhindert oder eine unerwünschte muskuläre Dehnstellung. Ich selber gebe bei meiner Arbeit der Lagerung seit langem viel Aufmerksamkeit. Auch wenn dem Patienten im ersten Moment vielleicht gar nicht unwohl ist, wirkt sich eine nicht optimale Lagerung nach einer gewissen Zeit dennoch ungünstig aus (manchmal merkt er es erst beim Aufstehen). Ich glaube, es hat auch eine positive Wirkung, wenn die Menschen spüren, dass man sich auch um Details kümmert. Wenn ich einen Patienten frage, ob ihm wohl ist, kommt oft sehr schnell die Antwort, „ja, ja, es geht“. Lege ich dann aber zum Beispiel doch noch ein Kissen unter eine bestimmte Stelle, dann heisst es meistens „ja, doch, so ist es noch besser“. Ich selber arbeite als Physiotherapeutin nicht im Schmerz, aber bei der Massage je nachdem im Bereich des „Wohlweh“. Das ist dann, wenn die Patienten jeweils sagen „es tut ein bisschen weh, aber bitte machen Sie weiter, es tut gleichzeitig gut/wohl“. Ich erkläre aber vorher, dass es wichtig ist, dass sie dabei noch gut entspannen können, weil das Gewebe sich sonst eher wieder verfestigt, wenn man zu stark arbeitet. Nicht selten sind nämlich die Patienten der Meinung, dass „es nur nützt, wenn es weh tut“. Oder sie betonen, dass sie „nicht wehleidig seien, dass man ruhig kräftig massieren könne“. Manchmal ist es eine Gratwanderung, zum Beispiel bei eingeschränkter Gelenkbeweglichkeit, sei es durch langjährige Fehlhaltungen oder nach einer Operation/ Ruhigstellung. Aber ich denke, dass man auch da durchaus „gewaltlos“ arbeiten kann. Für mich ist es weniger eine Frage der angewendeten Technik, sondern vielmehr eine Frage der Art und Weise und vor allem mit welchem inneren Fokus eine Technik ausgeführt wird.

 

2. Das Behandlungsergebnis wird nicht vordefiniert

Dieser Grundsatz ist auf den ersten Blick vielleicht etwas schwierig zu verstehen. Zum einen kommt der Patient ja normalerweise mit der Erwartung, dass die Therapie seine Symptome lindern bzw. beseitigen soll. Zum andern möchte man als Therapeutin natürlich, dass es dem Patienten besser geht. In der Physiotherapie wird üblicherweise auf Basis der Befundaufnahme mit dem Patienten zusammen ein Behandlungsziel formuliert. Von meiner physiotherapeutischen Grundausbildung her bin ich geprägt von der Haltung, dass es darum geht, Beschwerden und Probleme „weg zu therapieren“. Gerade die aktuelle Physiotherapie setzt sehr auf „evidence based therapie“: es wird zum Beispiel erforscht, welche Techniken sich bei welchen Krankheitsbildern objektiv nachprüfbar am effektivsten auswirken. Das Problem dabei ist, dass kein Körper genau gleich funktioniert und dass andere, nicht wirklich messbare Faktoren eher vernachlässigt werden, obwohl man um ihre Wirkung weiss. Ich habe über eine Studie gelesen, bei der drei Patientengruppen mit denselben Symptomen mit derselben Ultraschallbehandlung therapiert wurde. Bei der ersten Gruppe beschränkte sich die Kommunikation des Physiotherapeuten im Wesentliche auf „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“. In der zweiten Gruppe machte der Therapeut „Small Talk“ während der Behandlung. In der dritten Gruppe war der Therapeut emphatisch und führte ein persönliches Gespräch während der Behandlung. Der Behandlungserfolg war in der dritten Gruppe eindeutig am Besten. Soviel zum sogenannten „Placebo-Effekt“... In der Ortho-Bionomy fokussieren und vertrauen wir auf die Fähigkeit des Menschen zur Selbstregulation. Daher stellt die Behandlung ein Angebot dar, das vom Körper angenommen oder eben auch nicht beantwortet wird. So zeigt sich dann, ob das jeweilige Angebot von Nutzen war für den Heilungsprozess oder ob etwas anderes gebraucht wird. Wir arbeiten nicht gegen Barrieren an. Es wird in keiner Art und Weise manipuliert. Die Aufgabe der Therapeutin ist es, Angebote zu machen und den Patienten dabei zu unterstützen, seine ganz eigene Lösung zu finden. In seinem Tempo. Es ist diese Haltung der Offenheit, die dem Patienten ermöglicht, sich in seinem Ist-Zustand klarer wahr zu nehmen und auf natürliche Weise neue Möglichkeiten zu entdecken. Dies kann ein Loslassen von Muskelspannungen sein, ein neues Bewegungsmuster oder eine neue physische oder auch psychische Haltung. Als Behandlerin respektiere ich auch, wenn der Patient nicht bereit ist für etwas Neues und lieber in seinen gewohnten Mustern bleibt. Wir können von aussen nie wirklich wissen, was das Richtige ist für einen Menschen. Allerdings ist es manchmal nicht einfach, wenn der Patient mit dem Anspruch auf Beschwerdefreiheit zur Therapie kommt, dabei aber keine Veränderung zulässt und sich dessen nicht bewusst ist.

 

3. Gehe mit dem Organismus und verstärke das vorgefundene Muster

In der Ortho-Bionomy versuchen wir nicht, ein bestimmtes Haltungs- oder Bewegungsmuster direkt zu korrigieren bzw. zu normalisieren. Wir gehen nicht gegen Barrieren an, denn diese können ein Ausdruck der aktuellen Selbstregulation des Körpers sein. Sondern wir betonen oder überzeichnen das jeweils vorgefundene Muster. Dies erleichtert das Bewusst werden des Musters und stimuliert reflektorisch eine Gegenregulation, gibt dem Körper die Möglichkeit, sich selber neu zu organisieren. Muskelhartspann kann eine Kompensation des Körpers darstellen, um lokale Überlastungen zu vermeiden, indem gewisse Wirbelsegmente verriegelt, also sozusagen ruhig gestellt werden. Ein Hinkmechanismus kann vorübergehend Sinn machen, um eine verletzte Struktur zu entlasten und zu schonen. Problematisch kann es dann werden, wenn solche Schutzmechanismen über längere Zeit bestehen bleiben und zur (meist unbewussten) Gewohnheit werden, anstatt sich wieder aufzulösen, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Wenn also ein Patient spontan krumm auf der Liege liegt und man ihn auffordert, sich gerade hinzulegen, löst dies meist Unverständnis und Ratlosigkeit aus, denn in seiner momentanen Wahrnehmung ist krumm eben gerade/normal. Man kann aber seine Haltung auf der Liege betonen bzw. übertreiben, so dass die bewusste Wahrnehmung dessen eine spontane Gegenregulation bewirken kann und der Patient wieder eine normalere Haltung sucht und einnimmt. Auf die gleiche Weise kann dem Patienten eine Schonhaltung bewusst werden, indem man ihn zum Beispiel bittet, das Hinken zu übertreiben. Und ihm von da aus neue Möglichkeiten aufzeigen. Dasselbe Prinzip wenden wir in der Ortho-Bionomy bei allen Techniken und für alle behandelten Strukturen an. Ein verkürzter Muskel zum Beispiel wird noch mehr angenähert, so dass er sich reflektorisch wieder verlängern und seine Spannung normalisieren kann. 

 

4. Respektiere die Wahrnehmung und Reaktion deiner Patienten

In der Ortho-Bionomy gilt: der Patient/Klient hat immer Recht, was seine Selbstwahrnehmung betrifft. Manche Menschen sind jedoch nicht daran gewöhnt, sich selber differenziert wahr zu nehmen und/oder diese Wahrnehmungen zu beachten. Gerade für diese Menschen ist es ganz wichtig, dass ich als Behandlerin ihre Wahrnehmung vollkommen respektiere. Dies erleichtert dem Menschen, seine Wahrnehmungsfähigkeit zu schulen und seinen eigenen Wahrnehmungen zu vertrauen und sie zu würdigen. Während der Behandlung, aber auch sonst im Alltag. Nicht immer ist es einem Patienten möglich, seine Wahrnehmung verbal zu äussern, daher sollte man z.B. auch auf die Atembewegung und auf vegetative Zeichen achten, wie Schwitzen/Frieren oder Darmgeräusche. Und nicht zuletzt auch auf die eigenen Wahrnehmungen als Behandelnde. Manche Menschen möchten einfach nur ihr Symptom (meistens Schmerz) loswerden, ohne sich allzu sehr mit sich selber beschäftigen zu müssen. Wenn aber körperliche Anspannungen nachlassen, kommt dabei nicht nur Bewegung in den Körper, sondern auch in die psychischen Spannungsmuster, die oft damit verbunden sind. Gewisse Patienten möchten aber manche Emotionen, mit denen sie dadurch vielleicht konfrontiert werden, lieber nicht wahrnehmen, obwohl damit eine Möglichkeit der positiven Veränderung und Heilung zurückgewiesen wird.  Als Behandlerin respektiere ich stets die (innere) Entscheidung des Patienten, denn ich kann nicht wissen, was für ihn in dem Moment das Richtige ist.

 

5. Tue wenig (präzise Reizsetzung), lass viel geschehen (Reaktionszeit lassen)

Es geht bei diesem Prinzip um Einfachheit und Klarheit, damit die Patienten die angebotenen Behandlungsschritte und Informationen nachvollziehen und integrieren können. Präzise Reize bedeuten klare Informationen für den Körper, die daher einfacher zu verarbeiten sind. Damit verknüpft ist auch die Dosis. Der Körper muss die angebotenen Reize verarbeiten können. Ein Übermass an Reizen und Informationen schafft Unordnung und Verwirrung. Das betrifft die mündliche Kommunikation, die manuelle Behandlung am Körper und auch die Übungen, die wir den Patienten zeigen und für zuhause mitgeben. Bei meiner Arbeit als Physiotherapeutin habe ich gelernt, dass es meist nicht gut funktioniert, wenn man in derselben Sitzung mehrere Übungen zeigt. Die Patienten vergessen einen Teil des Gezeigten oder führen die Übungen nicht richtig aus. Da kommen manchmal überraschende Eigenkreationen zutage, wenn man in der nächsten Sitzung die Übungen kontrolliert. Im besten Fall sind es hilfreiche Varianten, aber es kann auch zu mehr Schmerzen kommen, wenn eine Übung nicht richtig ausgeführt wird. Manche Patienten haben bereits mit einer einzelnen Übung ihre liebe Mühe. Sie brauchen daher eine einfache Übung und mehrmaliges Wiederholen des Gelernten in den folgenden Sitzungen. Zur Dosis gehört auch die Häufigkeit der Behandlungen. Manchmal wollen Patienten ganz viel tun, um ihre Schmerzen schnellstmöglich loszuwerden und gehen zu verschiedenen Behandlern gleichzeitig. Kürzlich kam ein älterer Mann zur Physiotherapie und erwähnte nebenbei, dass er auch noch zum Chiropraktiker gehe. Ich sagte ihm klar, dass dies nicht ideal sei, da ich so die Reaktionen des Körpers auf die Behandlung schlechter einschätzen könne. In erster Linie gehe es aber darum, dass der Körper Zeit brauche, um die therapeutischen Reize zu verarbeiten und er mehrere Tage Pause zwischen den Terminen einplanen soll, wenn er unbedingt beides parallel machen möchte. Anfangs ging es recht gut, die Beschwerden besserten sich. Doch dann kippte es und es kam zu einer zunehmenden Verschlechterung. Ich vermutete eine Entzündungsreaktion, konnte aber nicht gleich verstehen, was der Auslöser war. Einige Zeit später kam der Patient wieder und sagte, er habe aufgehört, zum Chiropraktiker zu gehen und jetzt habe er kaum noch Schmerzen. Ich denke, weder der Chiropraktiker noch ich hatten schlecht gearbeitet, es war ganz einfach zuviel Input für seinen Körper, zu schnell zu viele Veränderungen in seinen doch ziemlich verfestigten Strukturen.

In der Ortho-Bionomy wird auch viel Aufmerksamkeit gelegt auf das Timing. Zum einen das Timing bei den einzelnen Behandlungsgriffen, zum Beispiel, wie lange man in einer Entlastungsposition verweilt. Oder dass man zwischen den Techniken Pausen macht, so dass der jeweilige Reiz verarbeitet und integriert werden kann. Ich habe dafür das Bild einer ruhigen Wasseroberfläche, eines kleinen Weihers zum Beispiel. Wenn man nun einen kleinen Stein (als Symbol für eine Information) ins Wasser fallen lässt, breiten sich ringförmig Wellen aus, es entsteht ein klares Muster, bis sich die Wellen am Ende auflösen, so dass das Wasser wieder ruhig wird. Bis man den nächsten Stein hinein fallen lässt. Wirft man aber in sehr kurzen Abständen viele Steine ins Wasser, so werden sich die Wellen überlagern und ein unruhiges, eher chaotisches Muster bilden.

 

6. Die Behandler sorgen dafür, dass es ihnen bei der Arbeit körperlich und psychisch so gut wie möglich geht.

Es geht im Wesentlichen um Klarheit. Um das Vermeiden von Doppelbotschaften. Wenn ich als Behandlerin innerlich völlig angespannt bin, wird der Patient dies bewusst oder unbewusst spüren und er wird sich selber auch nicht entspannen und sich nicht richtig auf die Behandlung einlassen können. Wenn ich als Behandlerin nicht gut auf meine Körperhaltung achte und meinen eigenen Körper überlaste, bin ich natürlich kein Vorbild für den Patienten. Wenn eine Technik durch eine ungünstige Körperhaltung sehr anstrengend wird für die Behandlerin, versucht der Patient häufig zu helfen, indem er zum Beispiel sein Bein hält, anstatt das Gewicht ganz abzugeben. Er kann sich so aber weniger auf sein eigenes Erleben konzentrieren und ist mit seiner Aufmerksamkeit bei der Behandlerin. Deshalb ist es wichtig, dass ich als Behandlerin mir die Zeit nehme, um eine gute Postion zu finden bzw. diese bei Bedarf zu verändern oder einen Moment Pause zu machen, bevor ich mit einer anstrengenden Technik weiterfahre.